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05.02.2021

MM - Jan’s Anekdote

Jan’s Tage in Shanghai sind gezählt. Am Mittwoch geht es zurück nach Hause in die Tschechische Republik. Dann sind seine 3 Jahre im Kundendienst-Technik hier vorbei. Wir hatten so gut wie kaum etwas miteinander zu tun, aber ich mag ihn: ehrlich, geradeaus ... und so anders als Vertrieb- und Marketingleute, eben ein Techniker.
Er berichtete vom Chaos seiner Rückreiseplanung: alle 2 Tage wechselten die Auflagen, um nach Tschechien einzureisen, denn die Regierung erlässt ständig Interim Regelungen und hat vor 3 Tagen entschieden, alle Länder außerhalb Europas auf die ‘Dunkelrote Covid-Länderliste’ zu setzen, inklusive China. Auf einmal also PCR- und Antikörpertest, die als Dokument in englischer Sprache vorzulegen sind, was China aber nicht ausstellt. Das Hin und Her war unbeschreiblich und ich erspare es den JTEBS LeserInnen. Jetzt wird er wahrscheinlich in Deutschland einen Zwischenaufenthalt machen, denn für Deutschland ist China ein sicheres Land und dann dort die erforderlichen Tests machen. Seine Familie ist schon seit letztem Februar wieder in Mlada Boleslav, worauf ihm hier in China das Gehalt nach 3 Monaten gekürzt wurde und er auch aus dem Haus ausziehen musste, weil das Budget für eine Person eben viel geringer ist als für 4.

Hier aber seine China-Anekdote, nach der ich ihn beim heutigen Abschlusslunch im Biergarten (ja, so heisst das Restaurant wirklich und ist ganz deutsch-rustikal eingerichtet) befragt hatte:

Jan hatte am Flughafen mal sein Flugticket verloren. Zum Glück bemerkte er es noch vor der Sicherheitskontrolle und ging zurück zum Eincheck-Schalter. Was passierte dann? Die freundliche Dame gab seine Passnummer ein und schwupps, erschienen auf dem Bildschirm mindestens 20 Bilder von ihm, wie er durch das Flughafengebäude läuft. Er hatte das Ticket in seiner Hosentasche, so dass die ersten 6 Bilder zeigten: das Ticket war noch da. Dann ging er auf die Toilette, immer noch da. Ok, von der Toilette selbst, gab es kein Bild, aber 2 Fotos später, war das Ticket auf einmal nicht mehr in seiner Hosentasche zu sehen. Aha, der "Ort des Verlierens" war damit eingegrenzt. Die freundliche Dame griff zum Telefon und rief jemanden an. 10 Minuten später kam ein Aufpasser und brachte Jan sein Ticket zurück. Überwachungskameras sei Dank...

03.11.2020

eine kleine Geschichte: Hilfspolizist

Eine kleine Geschichte von Herrn Huang, dem Hilfspolizisten

Herr Huang ist kein echter Polizist, aber von der Polizei angestellt. Sein Arbeitsplatz ist ein Überwachungsbus. Seine Aufgabe: Auffälligkeiten melden, die er auf den Monitoren entdeckt.
Foto: 
Es ist kein schwieriger Job und Herr Huang ist sehr froh über diese Arbeit, denn er kann sitzen, was für seine inzwischen müden Beine gut ist. Herr Huang ist bereits über 70, hat nie eine Ausbildung gemacht, aber war bei der Stadtregierung in vielen verschiedenen Bereichen beschäftigt.
Darauf ist Herr Huang sehr stolz. "Ich wurde immer geschätzt, weil ich sehr hart und zuverlässig gearbeitet habe. Eigentlich habe ich bereits das Rentenalter erreicht, aber als ich gefragt wurde, ob ich diesen Überwachungsjob machen kann, habe ich natürlich ja gesagt."

Es ist ihm Pflicht und Ehre zugleich, das merkt man Herrn Huang sofort an. Ob es nicht anstrengend ist, den ganzen Tag auf Bildschirme zu gucken, will ich von ihm wissen. "Nein, überhaupt nicht", kommt wie aus der Pistole geschossen zurück und ich überlege, wo wohl neben den Kameras die Mikrophone hängen. Aber Herr Huang meint es so: er hat den ganzen Tag ein Dach über dem Kopf, der Wagen ist klimatisiert, er kann sitzen und, sollte ihm doch mal etwas entgehen, haben die Kameras ja alles aufgezeichnet.

Einen Blick hineinwerfen darf ich aber nicht. "Es ist nicht aufgeräumt", entschuldigt sich Herr Huang verlegen. Als sich die Tür später kurz öffnet, lässt sich vermuten, dass es ein normales, aber mobiles Büro mit Bildschirmen ist und dass Herr Huang inzwischen aufgeräumt hat.
Foto: geöffnet


27.10.2020

eine kleine Geschichte: Schönschreiber

Eine kleine Geschichte von Herrn Wen, dem Wasser-Gedichtsschreiber 

Wenn es nicht regnet kommt Herr Wen am Wochenende früh morgens in den Park zum Schreiben, bewaffnet mit seinem Kalligraphie-Pinsel, einem Topf Wasser und seinem Gedichtsheft.
Heute ist er damit ein Exot und nur Herr Wu, ein älterer Shanghainese als Herr Wen, frönt ab und zu dem gleichen Hobby im selben Park.
Foto: Wasserschönschreiber
"Wasserkalligraphie war ein beliebtes Hobby in China", erzählt Herr Wen. In vielen Parks konnte man Künstler und Schreiber beobachten, wie sie ihre schnell vergängliche Kunst auf Steinplatten und Fußwege malten. Eine Möglichkeit, sich zumindest für kurze Zeit, Ausdruck zu verschaffen, denn natürlich ist Graffiti oder sonstige Straßenkunst in China verboten. Herr Wen grinst "bei Sprüchen und Schriftzeichen aus Wasser kann niemand etwas sagen, denn sie verschwinden gleich wieder und verursachen keinen Schaden".

Man nennt die Kunst dishu (地 书 Erde + Schrift). Für Herrn Wen ist sie nur ein Hobby und er geniesst es, das Schreiben mit dem Pinsel weiter zu perfektionieren. "Für mich", sagt er "ist es auch eine Art der Meditation. Ich schalte komplett ab und höre nicht mal die Musik".
Rechts und links neben uns scheppert Musik aus alten Lautsprechern, denn auch die Tanzgruppen sind schon früh morgens im Park. "Außerdem freue ich mich, wenn Leute stehen bleiben und sich an meinen Zeilen erfreuen" sagt er.

Herr Wen sucht sich Gedichte und Sprichwörter für seine Straßenkunst aus, die dem Vorübergehenden Glück und Wohlergehen wünschen. Heute morgen halten nur wenige inne, um Herrn Wen beim Schreiben zuzuschauen und seine ersten Striche werden bereits von tanzenden Füßen verwischt. Aber das stört Herrn Wen nicht, denn schließlich hat er heute morgen schon eine laowai mit seinem Hobby erfreuen können.

Kleingedrucktes zu meinen kleinen Geschichten: Personen, Namen, Handlungen und Zitate sind fast frei erfunden und nur ein neues Format meiner Bildkommentierungen, Beobachtungen, Gespräche und Recherchen.

Foto: Wasserkalligraphie-Kollege Wu


06.10.2020

eine kleine Geschichte: Bauchtänzerin

Eine kleine Geschichte von Xu Lin, der Bauchtänzerin

Xu Lin kontrolliert prüfend den Sitz ihres auf Taobao neu erstandenen roten Kleides. Sie steht im Spiegel-Gymnastikraum des Unternehmens, ein echter Vorteil der stattlichen Großunternehmen, die sogar eigene Sportmöglichkeiten anbieten.
Xu Lin kann gar nicht mehr genau sagen, wann genau sie ihre Freude am orientalischen Bauchtanz entdeckt hat. Es war auf jeden Fall nach ihrer Scheidung von einem "military man". 
Foto: Tanz in roten Kleid
Das Kapital ist für Xu Lin ein dunkles, auch wenn sie weiss, dass es ihr viel ermöglicht hat, nämlich ihr Leben in Shanghai, die sichere Arbeit bei einem grossen Staatsunternehmen, einen inzwischen 10jährigen Sohn, ihr heutiges Selbstbewusstsein.
"Ich musste nach meiner Scheidung irgendetwas Neues anfangen, was mich ablenkt", erzählt sie und gibt auch unumwunden zu "und was mich fit hält, damit ich weiter attraktiv für Männer bleibe". In einem leiseren Ton fügt sie hinzu: "Als geschiedene Frau in China ist es schwer. Meine Eltern waren sehr enttäuscht von mir."
Xu Lin kommt vom Dorf und ihre Eltern waren sehr stolz auf ihre Tochter, dass sie einen Mann in der Stadt gefunden hatte. "Ich war so naiv", sagt Xu Lin und seufzt "und habe mich sogar von meiner Mutter überreden lassen, dass ein Kind die Eheprobleme lösen könnte." Aber sie konnte es nicht aushalten mit ihrem Mann und dessen Eltern und hat schließlich die Scheidung eingereicht.

"Ich wusste", sagt sie, "dass dies ein Makel sein wird, denn kaum jemand will eine geschiedene Frau nochmal heiraten. Aber ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich wollte meine Ausbildung weiter machen, um auf eigenen Beinen stehen zu können, aber das hat mir mein Mann nicht erlaubt..." sie stockt in der Erzählung. Für das Sorgerecht um ihren Sohn hat sie fast 2 Jahre gekämpft, aber eigentlich war ihr klar, dass sie nicht gewinnen kann.

Zu der Zeit irgendwann hat sie mit dem Tanzen begonnen. "Ich wollte etwas Besonderes machen, etwas, was mich ablenkt von den Sorgen und was nicht jede macht. Da habe ich im Fitness Studio eine andere Frau kennengelernt, die Bauchtanz trainierte."
Der Bauchtanz hat ihr neue Welten eröffnet, auch wenn ihre Mutter am Anfang sehr ärgerlich war: zu aufreizende Kleidung, zu provokante Bewegungen. Aber Xu Lin hat sie überzeugen können, dass es ein Sport ist. Sie hat in Indien in ihrem Urlaub Tanzkurse belegt und wurde in ihrem Unternehmen später nominiert, selbst Tanzkurse zu geben. Letzteres hat auch die Mutter überzeugt.

Inzwischen ist Xu Lin Mitte Dreißig - ein Alter, über das sie nicht mehr gern spricht, denn es bedeutet als Frau in China "alt sein". Sie tanzt nicht mehr sehr oft, denn die Energie nach der Arbeit ist eindeutig gesunken, außerdem hat sie Knieprobleme und überhaupt immer mehr Wehwehchen in letzter Zeit. Aber sie will sich nicht gehen lassen, deshalb nimmt sie heute mal wieder Videoaufnahmen vom Tanzen machen, um dann 15s davon auf Tiktok hochzuladen. Nicht um einen Mann zu finden, sondern weil es ihr Spass macht.

Kleingedrucktes zu meinen kleinen Geschichten: Personen, Namen, Handlungen und Zitate sind fast frei erfunden und nur ein neues Format meiner Bildkommentierungen, Beobachtungen, Gespräche und Recherchen.

15.09.2020

eine kleine Geschichte: Mopetenfahrerin

Eine kleine Geschichte von Frau Sun, der rasanten Mopetenfahrerin

Frau Sun fährt auf Zweirädern so lange sie denken kann. Erst beim Opa auf dem Fahrrad hinten, dann bei Mama auf dem Trittbrett des ersten Mopeds vorn. Nun hat sie schon lange ihren eigenen Scooter und könnte sich längst ein Auto leisten. Aber ein Auto zu fahren, kann sich Frau Sun nicht vorstellen. "Dafür braucht man ja extra einen Führerschein", sagt sie "und steht dann doch nur im Stau." Nein, sie liebt ihre Mopete und das Fahren zwischen und an den Autos vorbei mit dem Fahrtwind im Gesicht. "Wenn ich es vermeiden kann", sagt sie "versuche ich nicht anzuhalten." Sie grinst und gibt zu, dass es jetzt ein wenig schwerer geworden ist mit den vielen zusätzlichen Kameras und Polizisten, aber "ich bin schnell, mein Nummernschild ist klein und ich fahre nie ohne Mütze" sagt sie schelmisch.
Foto: Fussschleifer

Besonders beeindruckend finde ich die lässige Beinhaltung der Chinesen auf den Mopeds, egal ob abgestellt, angewinkelt, hochgelegt oder knapp über der Fahrbahn schleifend. Frau Sun grinst wieder und glaubt "ja, wir sind Weltmeister im Moped fahren, mit oder ohne Ladung. Und können prima Balance halten. Das Lernen wir von kleinauf und können ja auch alle noch Fahrrad fahren". Das betont sie, weil sie gehört hat, dass es in vielen Ländern nicht mehr der Fall ist.

Wenn sie keine Ladung auf dem Trittbrett transportiert, die sie mit den Beinen sichern muss, ist ihre bevorzugte Beinhaltung die ausgestreckten Beine. "Damit kann man super die Kurven nehmen oder Slalom zwischen den Autos fahren", sagt sie "ein leichtes Antippen auf dem Boden und zack den Lenker drehen..." Frau Sun macht das Moped fahren ganz offensichtlich Spass. Ob sie schon mal ihre Flip Flops beim Fahren verloren hat, will ich wissen. "Noch nie!" kommt die prompte Antwort. Nur einmal sei ihr der Schuh weggeflogen, aber das lag nicht an dem Fahren sondern daran, dass der Schuh kaputt war, sagt sie und düst mit ihrer Mopete und ausgestreckten Beinen davon.

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08.09.2020

eine kleine Geschichte: Coloristin

Eine kleine Geschichte von Cindy, der farbenfrohen Friseurin

Als wir Cindy kennengelernt haben, arbeitete sie noch als Angestellte in einem großen Friseurladen. Und sie war diejenige, die geholt wurde, wenn Laowais, Ausländer, am Empfangstresen standen, denn Cindy ist aus Hong Kong d.h. sie spricht perfekt Englisch und ist super effizient. Zack, zack, zack ist immer alles schnell geklärt, für die anderen übersetzt und los kann's gehen. "Ich habe mich in Shanghai spezialisiert", erzählt Cindy, die eher zu den nicht-erzählenden Friseuren gehört, wenn man nicht konkret fragt "damals war das Thema Haarefärben nur auf schwarz begrenzt und ich war ein echter Exot mit meinen bunten Haaren", sagt sie, lacht verlegen und cool zugleich.
Cindy ist Coloristen mit beneidenswert dickem und schnellwachsendem Haar, das aktuell grau gefärbt ist, und sie inzwischen ihre eigenen Chefin.

"Wenn man in einem Friseurladen angestellt ist, ist das Grundgehalt klein und du verdienst nur gut, wenn du viele Kunden hast", sagt sie. Haarschneide-Kollege Jack, ebenfalls aus Hong Kong, aber eher Kategorie "erzählfreudiger Friseur", fügt hinzu: "Als Senior Hair Stylist bist du schon fast dein eigener Unternehmer, denn du arbeitest wie auf eigene Rechnung, denn du wirst für jeden Schnitt bezahlt, musst aber Abzüge für die Nutzung des Equipments und die Helfern zahlen. Manchmal ist es  auch eine Pauschale pro Stunde und Stuhl". Und klar bringt er sein eigenes Schneidewerkzeug immer mit.

Und weil das so ist, haben sich beide Ende letzten Jahres entschieden, einen eigenen Salon aufzumachen. Cindy ist die Businessfrau dahinter und nach wie vor Chef-Coloristen. Jack "hat es nicht so mit Zahlen", aber schneidet sehr gut. Der Laden ist jetzt etwas weiter von uns entfernt, aber in 10min mit dem Auto erreichbar und in einem Isetan Kaufhaus.
Wie es denn jetzt so läuft, will ich wissen. Cindy nickt, nicht überschwänglich aber ein "ok-Nicken". "Es kommen allerdings keine neuen Kunden hinzu", sagt sie dann doch noch, was ich verstehen kann, denn den Laden muss man kennen, um ihn zu finden. Ein junges Mädchen flitzt hinter uns vorbei. Ich hatte von Jack schon erfahren, dass es Cindy's Tochter ist, aber ich frage trotzdem. "Ja," und Cindy lächelt "das ist auch super an dem eigenen Laden: sie konnte hier sein als die Schulen wegen Corona geschlossen waren und jetzt in den Ferien." Spricht ihre Tochter Englisch? Ein kleines Seufzen ertönt. "Sie versteht nich schlecht, aber ist sehr schüchtern. Zuhause sprechen wie nur Kantonesisch." (Kantonesisch und Englisch waren die beiden offizielle Amtssprache in Hong Kong. Ob das immer noch so ist, bezweifele ich...) Ob sie ihr auch schon mal die Haare gefärbt hat, will ich wissen. "Klar", Cindy grinst schelmisch "einmal auch als Trick, um ihr danach die Haare abschneiden zu können, was sie immer nicht wollte." Siehe da, wenn es um ihre Tochter geht, wird Cindy sogar richtig gesprächig. Aber dann sind wir fertig mit den Strähnen und sie ist auch schon los zum nächsten Kunden, der etwas verlegen seine Mütze absetzt, denn er war 4 Monate nicht mehr beim Friseur.

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Was macht eine Coloristin? www.gehalt.de/beruf/colorist-coloristin#berufsbild
Eine Coloristin ist eine Friseurin, die auf Colorationstechniken spezialisiert ist. Sie ist stets auf dem aktuellen Stand der Haarfärbetrends und beherrscht die entsprechenden Techniken, um diese umzusetzen. Die Kundenwünsche und -zufriedenheit stehen dabei im Fokus der Coloristin. Sie berät hinsichtlich der passenden Farbe, schenkt den individuellen Anforderungen der Kundin Beachtung und weiß, welche Haut- und Augenfarben mit welchen Haarfarben harmonieren.

Nicht selten bringen Kundinnen Bilder von Prominenten mit, nach deren Vorbild sie ihre Haare gefärbt und gestylt bekommen möchten. Coloristinnen sind nicht nur in der Lage, anhand des Fotos aus bereits vorhandenen Haarfarben die passende auszuwählen, sondern sie können auch eine eigene Rezeptur erstellen, um den Farbton bestmöglich zu treffen. Zudem bessern sie ausgeblasste Spitzen oder ausgewachsene Ansätze aus. Coloristinnen beraten außerdem bezüglich der Haarpflege und geben sowohl für die Vor- und Nachbehandlung der Färbung Tipps.

Wer Colorist werden möchte, kann bereits während der Friseurausbildung den Schwerpunkt Coloration wählen. In der Weiterbildung zum staatlich geprüften Coloristen können Friseurgesellen bei privaten Anbietern ihr Wissen rund um das Thema Farbe vertiefen. Innerhalb von fünf Wochen werden spezielle Färbetechniken und umfassendes Wissen rund um die Themen Haar und Farbe vermittelt. Schließlich wird eine Prüfung bei der Handwerkskammer (HWK) absolviert, die staatlich zugelassen und einheitlich geregelt ist.

Um das eigene Profil weiter zu stärken, haben Coloristen darüber hinaus viele Möglichkeiten. Sie spezialisieren sich beispielsweise zusätzlich auf Haarverlängerungen oder absolvieren eine Zusatzausbildung zum Visagisten. Dies sichert gute Karrierechancen in Friseur- und Stylisten-Salons.
Foto: kritischer Panther

01.09.2020

eine kleine Geschichte: Autoverkäufer

Eine kleine Geschichte vom Herrn Ma, ein Autoverkäufer mit Qualitäten

Ma Shichao ist mehr als ein Autoverkäufer. Er ist auch Blogger oder KOL (Key opinion leader), schreibt Testberichte, beantwortet Fragen und kommentiert auf Autoportalen. Das ist seine Haupteinnahmequelle geworden. "Jeder Autohersteller macht es", erklärt Ma Shichao. Mit "es" meint er, dass Leute wie er dafür bezahlt werden, möglichst viele Berichte und Kommentare auf Webseiten zu veröffentlichen, die clicks & likes generieren und helfen die Modelle auf den Ranglisten nach oben zu bringen, damit sie von Kunden gesehen werden. Also ein bisschen wie bei Google Search: je mehr bezahlt wird, desto höher landet man im Suchergebnis. "Es" heisst "eWOM" und stammt aus den Zeiten als man merkte, dass Mund-zu-Mund Propaganda (= WOM = Word of Mouth) nicht nur von Freunden und Bekannten persönlich, sondern auch von Meinungsbildnern im Internet (also, e = elektronisch) die Kaufentscheidung stark beeinflussen kann.
Foto: Autoverkäufer und Tester
Ma Shichao hat früh angefangen, sich Zusatzeinkommen im Internet im Automobilsektor, seiner Leidenschaft, zu verdienen. "Als ich studiert habe", erzählt Ma Shichao, "war ich ein Clicker." Er hat also einfach nur auf Inhalte und Anzeigen geklickt, um die Clickraten zu erhöhen, wofür Kunden Geld zahlen, denn oft wird der "cost per click" berechnet. "Das war aber sehr stupide", gibt er zu und lächelt verlegen.
"Als ich dann als Autoverkäufer angefangen habe, habe ich für Kunden kurze Testberichte geschrieben, die sie (die Kunden) dann im Kundenforum der Autoportale, dem BBS (Bulletin Board System) veröffentlichen konnten." Auch das verbessert das Ranking. Der Kunde hat dafür vom Händler ein kleines Dankeschön erhalten, was er sich mit Ma Shichao geteilt hat. Das macht Ma Shichao inzwischen nur noch in Ausnahmefällen für sehr gute Kunden, denn er erstellt OGC (Original Generated Content) als offizieller Auto-Blogger und das nimmt Zeit in Anspruch, denn er will gut in diesem Job sein.

General Manager, Herr Ye, der Leiter des Händlerbetriebs, ist sehr stolz auf Ma Shichao und froh darüber, dass er trotzdem noch weiter Autos verkauft. Er hatte von Anfang an kein Problem damit, dass Ma Shichao seine Arbeitszeit auch für die Bloggertätigkeit nutzte. "Warum sollte ich?" fragt er verwundert. "Es gehört dazu, dass sich Verkäufer ständig auf dem Laufenden halten und die Wettbewerber studieren." Und schließlich profitiere er von dem Wissen und der Reputation von Ma Shichao, der nach wie vor sein bester Verkäufer ist obwohl er kaum mehr im Autohaus ist.

Ma Shichao kennt die Sorgen des Autohandels. Die Autoindustrie ist 2019 um über neun Prozent geschrumpft, dann kam die Coronakrise, die auch in China den Mittelstand hart getroffen hat. Trotz Rettungsplänen, neuen Richtlinien für  Steuersenkungen, Vorzugszinsen, Beschäftigungshilfen und Konsumförderung, die die Finanzierungs- und Betriebskosten der kleineren und mittleren Unternehmen reduzieren sollte, ist es sehr schwer geworden. "Von 15 Verkäufern zu den besten Zeiten, sind nur noch 5 da", erzählt Ma Shichao. "Die Autoindustrie steht vor einem grossen Umbruch" sagt er und es klingt wie überall auf der Welt. "Besonders die Umstellung auf das E-Auto verändert viel. Aber wir haben in China immer noch sehr viel Bedarf. Auf dem Land ist es das erste Auto, in der Stadt ein besseres" sagt Ma Shichao und hört sich damit wie ein Autoindustriepolitiker oder der CEO eines grossen Unternehmens an, allerdings wie ein bescheidener und zurückhaltender. "2019 gab es in China im Durchschnitt erst 172 Autos pro 1000 Einwohnern. Der Weltdurchschnitt hingegen liegt bei 380. In Deutschland sind es 611. In den USA sogar über 800. Da ist in China noch viel Luft nach oben, die Coronakrise ist in dieser Entwicklung nur ein kleiner Einschnitt." So wird es in China allgemein gesehen.

Ich nutze die Chance: Hält China das mit seinen 1,4 Milliarden Menschen aus, wenn 600 bis 800 Autos auf 1000 Einwohner kommen? Ma Shichao antwortet smart: "Die Zahl ist zu hoch. Die chinesische Autodichte wird sich irgendwo zwischen 400 und 500 Fahrzeugen einpendeln. Aber das dauert noch. Die Zentralregierung rechnet bis 2025 mit einer Dichte von 260 Fahrzeugen." Und fügt hinzu: "Das neue Auto ist elektrisch, intelligent, vernetzt und es wird geteilt. Autonomes, intelligentes Fahren wird sehr bald zum Alltag in China. Überall wird schon getestet und alles wird miteinander vernetzt sein. Da haben wir hier in China einen echten Vorteil, denn Daten sind kein Problem und das 5G-Netz ist bald verfügbar. Damit können auch Fabriken gesteuert und die Produktion mit den Zulieferketten verbunden werden. Die intelligente Produktion wird auch die Autoproduktion revolutionieren. Und China ist vorn dabei." sagt Ma Shichao und man merkt, dass er weit mehr als ein Autoverkäufer ist.

11.08.2020

eine kleine Geschichte: Neuwagenkäufer

Eine kleine Geschichte von Herrn Lin Yan, dem Karoq Fahrer

Herr Lin Yan hat sich kürzlich einen Karoq gekauft. Eigentlich hatte er ja mit einem Tiguan geliebäugelt, aber Herr Lin Yan ist noch nicht verheiratet und braucht keinen so grossen Wagen für die Familie, auch wenn die Familienplanung jetzt ansteht. Deshalb sollte es aber auf jeden Fall ein SUV sein. Ein Freund hatte ihm empfohlen, sich doch mal Skoda anzuschauen, denn die sind wie Volkswagen, also mit deutscher Qualität, und die Skoda Händler in Chengdu wären viel freundlicher und geben aktuell viel Rabatt. Auch auf den online Auto-Vergleichs-Portalen wie Autohome oder Bitauto wurde Skoda nicht schlecht bewertet. Also ist Herr Lin Yan mal zu einem Händler gefahren.
Foto: grosser Kofferaum

Nach einer kurzen Probefahrt hat sich Herr Lin Yan auch gleich entschieden und auch noch mehr Geld gespart als geplant, denn statt einem Kodiaq (der wie der Tiguan L/Allspace ist) hat er sich für einen etwas kleineren Karoq entschieden, der ihm gross genug ist (Anmerkung der Autorin: Kann ich total verstehen, denn ich bin ja auch Karoq Fahrerin)

Ein paar Wochen später hat ihn sein Händler wieder angerufen und gefragt, ob er ihn zur Motorshow einladen und er, Herr Lin Yan, nicht ein paar Worte auf der Bühne sagen könnte. Für Herrn Lin Yan war das eine Ehre und zur Motorshow war er auch noch nicht. Sie findet seit letztem Jahr in einem neuen Stadtteil von Chengdu und auf einem ganz neuen Messe-Gelände statt. Also, kein Problem, das macht er gern und es wurde ihm auch versichert, er braucht sich nicht um seinen Redetext zu kümmern. Der wird ihm vorgeschrieben: viel Platz, guter Motor und Ausstattung, deutsche Qualität, schickes Design. Das wären die Schlagworte. Denen konnte Herr Lin Yan sofort zustimmen.

Als er dann auf der Bühne stand, war Herr Lin Yan aber doch sehr aufgeregt. Es war eine richtige Pressekonferenz mit einem westlichen "big potato" Boss auf der Bühne. Denn Herr Lin Yan hat das 3millionste Auto von Skoda gekauft. Er hatte seinen Text auswendig gelernt, aber Teile sind ihn dann doch entfallen. Trotzdem ist Herr Lin Yan sehr stolz, denn er hat bei der Pressekonferenz auch erfahren, dass keine andere europäische Automarke so schnell 3 Millionen Autos in China produziert hat. "Also", findet er "muss Skoda eine sehr erfolgreiche Marke sein, auch wenn ich vorher nichts von ihr gehört habe." und fügt hinzu "mit dem Karoq bin ich sehr zufrieden."
Foto: auf der Bühne
Kleingedrucktes zu meinen kleinen Geschichten: Personen, Namen, Handlungen und Zitate sind fast frei erfunden und nur ein neues Format meiner Bildkommentierungen, Beobachtungen, Gespräche und Recherchen.
Foto: nicht mehr im Zentrum, sondern südlich davon, das neue Messegelände

04.08.2020

eine kleine Geschichte: Autobahngebühren

Eine kleine Geschichte von Frau Xu, der Mautkassiererin

Frau Xu's Schicht hat begonnen. Es ist 19 Uhr und sie freut sich, dass sie am manuellen Schalter startet, denn das ist abwechslungsreicher als am ETC-Schalter (electronic toll collection), an dem automatisch von der ETC-Karte heruntergebucht wird und man nur eingreifen muss, wenn es mal nicht funktioniert.
"Wir haben im Mai neue Computersysteme bekommen", erzählt Frau Xu "da klappte am Anfang gar nichts", denn die ETC Karten mussten neu programmiert werden und auch die automatische Nummernschilderkennung hatte ihre Macken. Es dauerte ewig bis das Foto auf dem Bildschirm erschien und das Nummernschild erkannt wurde." Aber wie oft in China wurde trotzdem eingeführt und riesige Warteschlangen vor den Schalten war das Ergebnis.

Auf die Frage, ob die Fahrer nicht sehr verärgert darüber waren, zuckt Frau Xu die Schultern und meint "natürlich war es nicht gut, so lange Staus zu haben, aber wir haben alle unser Bestes gegeben, hatten viel mehr Personal an den Stationen und zusätzliche Stände aufgebaut, damit Autos dort abgewickelt werden können, bei denen es nicht funktionierte. Die Fahrer waren alle sehr verständnisvoll', lobt sie. Auch für die Regierung hat sie viel Lob übrig, denn das System wurde Ende Mai eingeführt in einer Zeit, wo die Autofahrer wegen Covid19 keine Gebühren zahlen mussten. Das fand Frau Xu sehr gut, denn "die Autofahrer mussten zwar lange warten, aber haben nichts bezahlt."

Von Februar bis Mai wurden in China nämlich keine Autobahngebühren erhoben, damit der Verkehr dort, wo er fliessen durfte, so reibungslos wie möglich funktioniert, also Autofahrer nicht anhalten müssen. Gleichzeitig war es eine Massnahme, um Bürger und Transportunternehmen finanziell zu entlasten.

2 Wochen nach der Installation der neuen Kameras und Computersysteme klappte dann alles auch viel besser und das Prinzip "einfach erstmal machen und dann schnell nachbessern" hat mal wieder funktioniert. Jetzt sieht man sich und sein Auto auf einem grossen Bildschirm in den kleinen Schaltern der Mautstationen. Für manuelle Bezahler geht es dann sehr "NICHT-Hightech" weiter, denn man bekommt weiterhin eine dicke Plastikkarte in die Hand gedrückt, die man entgegennehmen und wieder abgeben muss. Warum? ist eine Frage die Frau Xu sich noch nie gestellt hat, es ist einfach so, die Karte muss ein-/ausgelesen werden (siehe Blogeintrag http://JTEBS/2019/autobahngebuhr)

Aus abrechnungstechnischen Gründen nutze ich meist immer noch die "manuelle" Spur, wo man einen Beleg bekommt. Der Preis für mein Autobahnstück zur Arbeit wurde von 10 auf 8 RMB gesenkt. Auch das findet bei Frau Xu viel Lob für die Regierung, denn es sollte nicht immer alles teurer werden. Bezahlt werden kann am manuellen Schalter per smartphone oder auch noch bar. "Warum immer noch so viele bar bezahlen?" frage ich Frau Xu. Sie überlegt kurz und meint dann, es könnte daran liegen, dass man sein Telefon aus dem Auto und vor den Scanner halten muss. "Das ist etwas unpraktisch", gibt sie zu und dauert sogar oft länger als die Barzahlung. Aber, sie hätte gehört, dass neue Scannergeräte geplant sind. Sagt sie und wickelt meine 2 Yuan Rückgeld-Münzen in die Quittung ein, damit sich bei der Übergabe nicht auf die Strasse fallen.

28.07.2020

eine kleine Geschichte: fliegender Händler

Eine kleine Geschichte von Herrn Hu, dem Vielberufler

Herr Hu hat viele Berufe. Morgens arbeitet er in der Auslieferung eines Logistikunternehmens und beliefert Wochenmärkte mit Obst und Gemüse. Nachts hilft er auf Strassenbaustellen, wenn schwere Arbeiten zu verrichten sind. Am liebsten ist Herr Hu aber Händler für Keramik. "Da bin ich mein eigener Chef", sagt er "keiner sagt mir, was ich machen soll und die Arbeit ist auch nicht so anstrengend." Er grinst und klopft sich auf den Bauch "allerdings bin ich dadurch auch viel fetter geworden", sagt er in der typischen chinesischen Direktheit.
Foto: warten auf Kundschaft
Sein mobiler Verkaufsladen ist ein Elektrofahrrad mit Ladefläche, das er einfach auf dem Gehweg stellt und auf Kundschaft wartet. Ob er heute schon etwas verkauft hat, will ich wissen. "Nein", sagt Herr Hu entspannt, "aber ich bin auch gerade erst gekommen".
Die Geschäfte laufen am besten in den frühen Abendstunden, wenn Leute von der Arbeit oder zum Essen gehen. Seit er das moderne, japanisch wirkende Keramikgeschirr anbietet, hat er auch schon an einige Laowais, Ausländer, verkauft, die hier vorbei kommen. "Die bestellen sogar vor", grinst er zufrieden. Heute zum Beispiel hat er 5 Schalen für eine Kundin auf der Ladefläche, die schon eine Schale zuvor gekauft hat und sehr zufrieden war. Damit ist der Verdienst des heutigen Tages und das Abendessen auf jeden Fall gesichert. Die Preise pro Teil liegen bei ca 2-3 Euro.

"Seit dem letzten Jahr ist es etwas schwerer geworden, einen guten Platz zu finden", erzählt er, denn die Polizeipräsenz an geschäftigen Verkehrskreuzungen hat erheblich zugenommen. "Eigentlich kontrollieren sie, ob die Verkehrsregeln auf der Strasse eingehalten werden, aber wenn sie nichts zu tun haben, fragen sie auch mal bei uns nach, ob wir eine Lizenz haben und hier stehen dürfen." Herr Hu grinst, das hat er natürlich nicht, aber er hat ein gutes Verhältnis mit der lokalen Polizei und passt auf, dass er mit seinem Laden nicht im Weg steht.
Foto: mobiler Verkaufsstand
"Das Problem ist meist", erzählt er weiter, "dass sobald ich mein Fahrrad abgestellt habe, andere Händler dazukommen wollen." Da muss er manchmal etwas ungemütlich werden und die anderen verjagen. Er grinst "mit mir will sich lieber keiner anlegen" und richtet sich auf seinem Höckerchen auf, um seine imposante Figur zu betonen. Auch betonen tut er dann "ich gönne jedem sein Geschäft, aber wir dürfen nicht den ganzen Gehweg blockieren."
Ich überlege, ob ihm das wohl einer seiner lokalen Polizisten-Freunde erzählt hat, denn diese Einstellung und Um-/Rücksicht ist sehr untypisch für den normalen Chinesen.

Herr Hu wendet sich wieder seinem Smartphone zu. Als vierten Beruf betreibt er nämlich noch einen online-Handel auf Taobao, der chinesischen eCommerce Plattform von Alibaba. Da verkauft er allerdings kein Keramik, sondern Socken aus Datang, seiner Heimatstadt und Socken-für-die Welt-Produktionsstätte. "Die kann ich wirklich nur empfehlen", sagt Herr Hu und zupft sich demonstrativ an der eigenen grau-blauen Socke. "Die rutschen nicht und sind sehr bequem! ... und billig" fügt er verkaufstüchtig hinzu. Und klar, hat er auch ein paar Socken auf seinem Fahrrad mit dabei. Man weiss ja nie.

Kleingedrucktes zu meinen kleinen Geschichten: Personen, Namen, Handlungen und Zitate sind frei erfunden und nur ein neues Format meiner Bildkommentierungen, Beobachtungen, Gespräche und Recherchen.

07.07.2020

eine kleine Geschichte: Dancing on Douyin

Eine kleine Geschichte von Ying Fei, der TikTok Tänzerin 

Ying ist 7 Jahre alt und liebt das Tanzen. Fast noch viel mehr liebt sie aber aktuell ihren neuen roten Rock, den Mama auf Taobao für sie und ihre Schwester erstanden hat. Taobao ist eine chinesischen eCommerce Plattform von Alibaba, also eine chinesische eBay-Amazon-Kombination, auf der Waren entweder als Auktion oder zu einem Festpreis angeboten werden. Ying's Mama kauft fast alles auf Tabao.
Foto: Douyin / TikTok logo


Foto: Tanzen
Überhaupt liebt Ying's Mama das Internet und vor allem liebt sie die Videoplattform TikTok, die im Chinesischen Douyin heisst. Es handelt sich um ein soziales Netzwerk, ähnlich wie Instagram, also eine kostenlose App. Anstatt von Bildern werden jedoch kurze, selbstgedrehte Videos eingestellt, meist mit Musik unterlegt, häufig wird dazu getanzt oder gesungen. Seit es diese Platform gibt (2017), ist Ying's Mama richtige "Filmemacherin" geworden. Es startete damit, dass sie für Ying's Oma die Tanzvideos ihrer Töchter eingestellt hat. Denn Ying's 66-jährige Oma, Jing Fei, lebt in einer anderen Stadt, ist Rentnerin, geht selbst oft zum Tanzen in den Park und gehört zu den über 400 Mio täglichen Douyin Nutzern. Sie schaut sich aber nicht nur die Videos ihrer Enkelinnen an, weit gefehlt. Eigentlich war es sogar Ying's Oma, die mit TikTok Videos gestartet hat. "Seit ich Rentnerin bin, habe ich viel mehr Zeit", sagt sie. "Douyin macht mein Leben interessanter. Es fordert mich geistig, damit ich auch hier", sie tippt sich an den Kopf, "fit bleibe. Es ist gut, sich im Ruhestand mit so etwas beschäftigen zu können", erklärt sie. Außerdem gefällt ihr, dass "ganz normale Leute ihre Videos über ihr ganz normales Leben hochladen". Man braucht auch nicht lange zu üben, denn die Videos haben meist nur eine Länge von 15 Sekunden. Themen sind oft Streiche, Alltägliches, Karaoke, Haustiere oder eben Tanzen. Ying Fei hofft, dass sie durch ihre Tanzvideos berühmt werden kann und natürlich ganz viel Geld verdienen wird. Dann würde sie Oma Jing ein Haus in der Nähe kaufen, damit sie zusammen üben und Videos drehen können. Im roten Rock, versteht sich.

https://www.tagesschau.de/ausland/tik-tok-app-101.html: Obwohl Design, Entwicklung und Programmierung der App chinesisch sind, kam das Produkt erst verhältnismäßig spät nach China. Da gab es TikTok-Vorgänger Musical.ly bereits in Europa, USA und in anderen asiatischen Ländern. China sei ein ganz anderer Markt, erklärt Musical.ly-Gründer und TikTok-Chef Alex Zhu. Der Wettbewerb sei anders, viel intensiver. "Alle Unternehmen verbrennen Geld, um Influencer und Traffic zu kaufen. Es ist schlicht teuer, in China auf dem Markt zu sein. Man braucht ein großes Team und ein riesiges Budget. Darum haben wir am Anfang gesagt: Lass uns zuerst auf Länder außerhalb Chinas fokussieren", legt Zhu dar.
Seit 2017 läuft das Geschäft nun aber auch richtig in China. In dem Jahr kaufte das chinesische Unternehmen ByteDance TikTok (damals noch Musical.ly)
Keine Plattform wuchs 2019 so schnell wie TikTok. Nun versucht YouTube auf den Zug unterhaltsamer Kurzvideos aufzuspringen (mit seinen You Tube Shorts). Immerhin verschlief die aktuell noch weltgrößte Videoplattform schon Trends wie Videospiel- und Musik-Streaming. Während in China TikTok auch für Ältere ist, erfreut sich die Plattform im Western vor allem bei jungen Menschen großer Beliebtheit. Youtube will seine "Shorts" dabei in einen Feed integrieren und keine neue Plattform entwickeln. Gerade hier liegt das "Suchtpotenzial" von TikTok: Die maximal einminütigen Videos erfordern eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, bieten durch den endlos scheinenden Feed an Videos aber trotzdem stundenlange Unterhaltung. Als Erfolgsgarant nutzt TikTok dabei unter anderem Instagram- und YouTube-Influencer, die sich auf der Plattform breitmachen. Entsprechend hofft YouTube, über seine Stars Zuschauer an sich zu binden. Vor Ende 2020 ist aber nicht mit YouTube Shorts zu rechnen. Es wäre aber wichtig, um Konkurrenz zur aus Beijing stammenden Plattform zu haben, die natürlich einer zentralen Kontrolle unterliegt.

Kleingedrucktes zu meinen kleinen Geschichten: Personen, Namen, Handlungen und Zitate sind frei erfunden und nur ein neues Format meiner Bildkommentierungen, Beobachtungen, Gespräche und Recherchen.

30.06.2020

eine kleine Geschichte: Tanzen im Park

Eine kleine Geschichte von Herrn Tang, dem passionierten Tänzer

Herr Tang kommt jeden Tag in den Xiangyang Park. Am Wochenende ist er ab 14:30 Uhr da. In der Woche von 18 -21 Uhr. Er muss pünktlich sein, denn er wird sehnsüchtig erwartet von seinen Tanzschülern: jung und alt, weiblich, männlich, alles ist dabei und freut sich über das Engagement des inzwischen 70jährigen Herrn Tang. "Was kann ich denn Schöneres machen", sagt der Rentner "als meine Freude am Tanzen weitergeben". Diese Freude und Leidenschaft sieht man ihm an, jeden Tag und immer wieder.
Foto: in Action
Auf Samstag freut Herr Tang sich aber besonders. Denn dann unterrichtet er die Kleinen.
"Am Anfang habe ich nur Erwachsenen geholfen, ihre Tanzschritte zu verbessern", erzählt er. Die hatten sich einfach um ihn gescharrt und mitgemacht, wenn er tanzte. Inzwischen bezeichnet sich Herrn Tang ganz offiziell als Tanzlehrer, denn er hat einen richtigen Plan für seine Tanzkurse und eine offizielle Genehmigung, eine Musikbox in den Park mitzubringen.
Herr Tang lacht "ich hatte gar nicht vor zu unterrichten, sondern bin nur in den Park gekommen, um selbst zu tanzen. Es sind dann aber immer mehr Schüler dazugekommen, die fragten, ob sie nicht regelmäßig mit mir üben könnten. Dann fragten Mütter, ob sie ihre Töchter bringen können. Und so kam eins zum anderen" erzählt er stolz.

Herr Tang hat das Tanzen von seiner Mutter gelernt, die ihn schon als kleinen Junge mit in den Park nahm. Herr Tang erinnert sich "Wir hatten nicht viel Geld, aber wenn meine Mutter sonntags zum Tanzen ging, hat sie sich fein gemacht, wie eine richtige Dame."
Ihm war es zu langweilig zuzuschauen, deshalb hat er sich einfach dazugestellt und angefangen, die Bewegungen nachzumachen. Dass er Talent hatte, sah seine Mutter sofort und hat mit ihm viel weiter geübt. Heute versteht er das und sagt "man sieht sofort, wenn ein Kind, Gefühl für Rhythmus, Musik und Bewegung hat." Er zeigt auf die kleine Ying. "Sie ist erst seit einem Monat dabei, aber macht ihre Sache schon viel besser als die große Schwester."

Inzwischen hat Herr Tang es für seine Kurse zur Auflage gemacht: wer regelmäßig kommen will, muss in ein Tanz-Outfit investieren. "Der Rock muss schwingen", sagt Herr Tang "und die Schuhe brauchen einen Absatz". Das Outfit von der kleinen Ying gefällt ihm und mir besonders gut: schlicht, in schwarz-rot-weiß, ganz spanisch mit einem nicht zu kurzen Rock.
Ying's Mutter ist sehr ehrgeizig und hofft, dass zumindest eine ihre beiden Töchter auf der Videoplattform TikTok berühmt werden könnte. (Anmerkung: In China heisst TikTok auch Douyin und ist eine Art chinesisches Youtube, was mit 400 Millionen aktiven Nutzern pro Tag jung und alt mit Kurzvideos unterhält.)

Ying's Mutter freut sich sehr über das Engagement von Herrn Tang. "Er nimmt kein Geld dafür", sagt sie, " das ist sehr ungewöhnlich, denn in China kostet alles Geld."
Warum Herrn Tang kein Geld nimmt, will ich von ihm wissen. "Ach", er schüttelt abwehrend mit den Händen "ich habe alles, was ich brauche" und wiederholt, was er wirklich meint "ich möchte einfach meine Freude am Tanzen weitergeben" sagt er und demonstriert den Kindern erneut, die richtige Hand- und Armbewegung, für die neuen Tanzschritte, die sie heute gelernt haben. www.youtube.com/HerrTangderTanzlehrer
Foto: Vormachen - Nachmachen
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16.06.2020

eine kleine Geschichte: Elektroroller

Eine kleine Geschichte von Frau Yang, einer elektrorollenden Oma

Wenn Frau Yang ihren Enkel zur Schule bringt, macht sie das mit dem Elektroroller. Shichao wohnt mit seinen Eltern und Großeltern in einem Hochhaus in der Stadt, im selben Wohnblock, aber unterschiedlichen Stockwerken. Das ist praktisch und viel besser als bei vielen anderen Kindern in seiner Klasse. Die leben in der Woche bei ihren Grosseltern und sehen ihre Eltern nur am Wochenende. Denn die wohnen und arbeiten woanders. Shichao's Eltern müssen natürlich auch arbeiten, aber haben ein Auto. Das nutzt Papa, um zur Arbeit zu fahren. Zur Schule geht es aber immer mit Oma und dem Familien-Elektroroller.
(Anmerkung, die aber vom Thema Elektroroller ablenkt: in den letzten Monaten ging es natürlich nicht zur Schule, denn es wurde online schooling gemacht, über 3.5 Monate. Das war für Shichao ganz schön anstrengend, denn er saß fast den ganzen Tag vor dem Computer bei Oma und Opa, um zu lernen, aber Mitte Mai ging es dann wieder los)
Foto: zur Schule

Sieben Kilometer sind es von der Wohnung bis zur Schule. Mit dem Auto würde es viel länger dauern als mit dem Elektroroller. So sind die beiden in ca 15min an der Schule. Shichao findet die Fahrt auf dem Roller toll, wenn sich Oma gemeinsam mit vielen anderen leise surrenden Rollerfahrern im Schwarm durch die Strassen bewegt. Das ist lustig, nur bei Regen doof, denn da wird man trotz Regencape ganz schön nass.

Die meisten Kinder werden per Roller zur Schule gebracht. Frau Yang, Shichao's Oma, ist sehr stolz auf den Roller "er ist günstig und praktisch und man darf ihn fast überall parken", erklärt sie. Zwischen 30 und 50 kmh schaffen diese Scooter. Vor ein paar Jahren hat die Regierung angeordnet, dass nur noch Elektroroller auf den Strassen fahren dürfen. Das findet Frau Yang auch gut, denn seitdem ist die Luft besser und inzwischen habe sich auch alle Verkehrsteilnehmer daran gewöhnt, dass man die Roller nicht hört.

Aufgeladen wird der Roller über Nacht. Dafür wird der tragbare Akku mit in die Wohnung genommen und an einer Steckdose aufgeladen. Das ist Opa's Job.

Über 25 Mio Elektroroller werden jährlich in China verkauft. Tendenz steigend. Das sind mehr als Autoneuzulassungen. China hat das Batteriezeitalter also schon längst eingeläutet. Was auch eingeläutet wurde, ist das Zeitalter der Verkehrsregeln-beachten. Frau Yang ist darüber nicht ganz so erfreut: "ich habe schliesslich keinen Führerschein und kenne die Verkehrsregeln gar nicht", sagt sie. Das wird sich bald ändern, denn es gibt immer mehr Kameras und Verkehrspolizisten auf den Strassen, die darauf aufpassen, dass Regeln besser befolgt werden. Auch von rollerfahrenden Omas und Opas, die ihre Enkel zur Schule bringen.

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08.06.2020

eine kleine Geschichte: Liu niao

Eine kleine Geschichte von Herrn Li und Herrn Chen, die einen Vogel haben.

Sie kommen schon früh, die beiden älteren Herren, ich nenne sie jetzt einfach mal Herr Li und Herr Chen. Sie treffen sich an dem Ahornbaum, Ecke Nanchang Lu und Xiangyang South Lu, genau am Zebrastreifen, den allerdings kein Auto-, Moped- oder Radfahrer beim Abbiegen interessiert. Gefährte mit Reifen haben Vorfahrt und auch unter ihnen gibt es eine klare Rangordnung: Autos vor Mopeds vor Fahrrädern. Fußgängern stehen ganz unten in der Verkehrsteilnehmerhierachie.

Als erstes hängt Herr Li seinen Vogelkäfig an den Baum. Sein Käfig ist größer als der von Herrn Chen, der gerade die beiden mitgebrachten Stühle und ein kleines Tischchen aufstellt. Dann erst hängt er seinen Vogelkäfig auf, allerdings an einen anderen dicken Ast des Baumes Sein Vogel hat freiere Sicht auf die Strasse und den Überweg. Vielleicht inspiriert ihn das zum lauteren Singen, denn Herr Chen's Vogel ist viel aktiver als der von Herrn Li.
Foto: Vogelkäfig
Ich kenne mich nicht mit Vögeln aus und kann Herrn Li und Herrn Chen - dank meiner fehlenden Chinesischkenntnisse - auch nicht fragen, was denn das für Vögel sind, die sie da haben. Ich könnte vielleicht eine App 'runterladen, die Vögel anhand des Gesangs erkennt. Ich bin mir sicher, dass es soetwas schon gibt, habe aber keine Lust danach zu suchen. Es ist eh schwierig in China Apps aus dem deutschen Appstore herunterzulagen. Das hat Apple inzwischen hinbekommen, dass man keinen weltweiten Store und Zugriff mehr hat. Egal. So, wie ich nicht weiss, ob die beiden älteren Herren Li und Chen heissen, schreibe ich jetzt einfach mal, dass es chinesische Spottdrosseln sind. (Sollte es einen Leser oder Leserin geben, die anhand der Bilder mich JTEBS machen kann, bitte hinterlasst doch einen Kommentar). 

Herr Li und Herr Chen hängen ihre Vögel immer zusammen auf. Sie sollen sich gegenseitig animieren. Spottdrosseln sind begabt darin, Töne aus der Umgebung nachzuahmen. Sie lernen also voneinander. Ob sie wohl bald den Strassenlärm imitieren können? Ist natürlich Quatsch und bald fahren ja eh nur noch Elektrogefährte herum, da hört man nichts. Wie es jetzt schon der Fall ist bei allen Mopeds - oder Scooter wie man hier sagt. Die chinesische Regierung hat in ihren Bemühungen um bessere Luft in den Megacities die herkömmlichen Zweitakt-Motorräder komplett verbannt. Alle fahren jetzt elektrisch, teilweise per Hand umgerüstet, was immer wieder zeigt, in welchem Abenteuerland wir aktuell leben.

Aber zurück zu Herrn Li und Herr Chen mit ihren Spottdrosseln: Sie hüpfen und flattern munter umher und zwitschern laut. Ich meine natürlich die Vögel und nicht die beiden Herren. Nach einer Weile werden sie stiller. Vielleicht ist es ihnen ja auch zu heiss? Oder sie mögen es nicht, von mir so intensiv beobachtet zu werden. Oder es ist wie bei der täglichen Morgengymnastik: in den ersten 5 Minuten ist man noch hochmotiviert, dann lässt die Lust nach: "ich hatte doch erst gestern Gymnastik gemacht!"
Foto: mit Blick auf die Strasse
Herr Li und Herr Chen sind Renter, aber haben, seit sie sich erinnern können, schon immer Vögel gehabt. Jetzt bringt es sie zu einem Spaziergang nach draussen und man trifft sich. "Früher gab es viel mehr Vogelbesitzer hier in der Gegend", erzählt Herr Li (habe ich mir jetzt ausgedacht). "Hier", er zeigt die Baumallee hinunter, "hing fast an jedem Baum mindestens ein Vogelkäfig. Das war bevor die grosse Shopping Mall aufgemacht hat." Er deutet hinter sich auf die moderne, Luxus Mall IAPM, die ein Grund ist, warum wir hierher gezogen sind: 3 Metrolinien und eine Shoppingmall direkt vor der Haustür, praktischer geht nicht, um sein Auto zumindest am Wochenende stehen zu lassen.

"Die Regierung hat dann überall Hecken und Blumenbeete gepflanzt. Jetzt kann man kaum mehr einen Stuhl auf den Bürgersteig stellen." Aber Herr Li beklagt sich nicht. Wie auch Herr Chen findet er den Fortschritt gut und es gäbe ja überall viele Bäume und Parks, die so schön gepflegt sind. "Das Leben ist viel besser als früher", sagt Herr Chen. Nur leider gäbe es kaum mehr Vogelfreunde. "Die nächste Generation will lieber Hunde", Herr Chen kichert. "So etwas haben wir früher gegessen", aber beeilt sich hinzuzufügen "heute aber nicht mehr." Herr Chen hat wohl davon gehört, dass Ausländer es abstoßend finden, dass in China Hunde gegessen werden. 

Die Haltung von Singvögeln hat eine lange Tradition in China und der Spaziergang mit dem Vogel sogar einen eigenständigen Begriff: Liu niao. Man nahm seine Vogel mit in den Park, um ihn gemeinsam mit anderen Vögeln singen oder sogar in Singwettbewerben gegeneinander antreten zu lassen. Aufgrund der Platzknappheit in den Wohnung gehörten Singvögel neben Fischen und Schildkröten zu den beliebtesten Haustieren. Nun sind sie ein Hobby der älteren Generation.

Gut gelaunt sitzen Herr Li und Herrn Chen auf ihren Plastikstühlen im Schatten des Baumes, rauchen gemeinsam ein paar Zigaretten, hören den Vögeln beim Singen zu. Ab und zu wird mit dem Strassenaufpasser, dem Straßenfeger oder einem Passanten palavert oder einfach die Morgenidylle am Strassenrand genossen. Zum Mittagessen, spätestens um 12, wird alles wieder abgebaut. Dann sind auch die beiden Spottdrosseln ganz verstummt und es ist voll auf der Xiangyang South Lu geworden. Nächsten Sonntag sind sie wieder da, Herr Li und Herr Chen mit ihren Spottdrosseln. Wochentags kommen sie nicht. Vielleicht weil es inzwischen verboten ist. Oder die beiden Rentner etwas Wichtigeres zu tun haben. Auch in China haben Rentner eigentlich keine Zeit.

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